Brustbild Georg von der Vrings an seinem Schreibtisch sitzend und die Pfeife anzündend. Archiv des Schiffahrtsmuseums Unterweser.

Wo ich hergekommen bin

Wo ich hergekommen bin,
Hat niemand Gedichte gemacht.
Sie haben abends bei Licht gelesen,
Und dann: Gute Nacht

Georg von der Vring, einziger Ehrenbürger der Stadt Brake, ist mittlerweile fast komplett in Vergessenheit geraten. Auch in seiner Heimatstadt Brake, von der das Gedicht „Wo ich hergekommen bin“ handelt, liest man vielleicht noch abends bei Licht, aber wahrscheinlich kaum Georg von der Vring. Dieses Jahr ist der 125. Geburtstag des Malers, Schriftstellers und Lyrikers, der am 30. Dezember 1889 geboren wurde und seine ersten Lebensjahre im „Haus Suhren“ in der Schulstraße verbrachte.

Aber sie hatten ein zartes Herz,
Sagten zu mancher Zeit
Worte – ich habe sie nicht verstanden,
ob Leid, ob Streit.

Begraben liegt Georg von der Vring, der in den 1950er und 1960er Jahren zu den bekanntesten zeitgenössischen Lyrikern Westdeutschlands zählte, in seiner Heimatstadt. Sein Grab auf dem Friedhof der Friedrichskirche in Brake-Kirchhammelwarden wird bis heute gepflegt. Das Erbe von der Vrings zu bewahren und die nicht immer ganz unstrittigen Werke des gebürtigen Brakers wieder ins Gedächtnis zu rufen, ist erklärtes Ziel der „Georg von der Vring-Gesellschaft“, die sich 2001 in Brake gründete.

Männer, die weinten, gab es auch;
Andere sannen still,
Schwiegen durchs Jahr; die Frauen sprachen
Laut und schrill

Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Brake/Unterweser an Georg von der Vring, Brake, 19.1.1960. ;  Bemerkungen: Nachlaß Georg von der Vring, Dichter und Maler, 1889 Brake - 1968 München.
Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Brake/Unterweser an Georg von der Vring, Brake, 19.1.1960. ; Bemerkungen: Nachlaß Georg von der Vring, Dichter und Maler, 1889 Brake – 1968 München. Foto: Schiffahrtsmuseum Unterweser

Henner Funk, Vorsitzender der GvdV-Gesellschaft, hat für das Jubiläumsjahr und darüber hinaus große Pläne. Aber ganz kritiklos sind auch die Braker nicht, gerade die Zeit des Nationalsozialismus und von der Vrings Rolle während dieser Zeit wird immer wieder diskutiert. Sich eine eigene Meinung zu Brakers Ehrenbürger zu bilden ist, zugegebenermaßen, schwierig. Es gibt nur noch wenige Anthologien, in denen von der Vring noch oder wieder abgedruckt wird und Nachdrucke von Werken wie „Soldat Suhren“ (1927), „Der ferne Sohn“ (1942) oder „Die Spur im Hafen“ (1936) sind nicht zu finden. Auch die wissenschaftliche Erforschung ruht seit vielen Jahren.

Zu uns, den Kindern, war man gut.
Heilige Nacht und der Baum
Kamen vom Himmel. Ein altes Klavier
Klang im Raum.

Im Schiffahrtsmuseum bildet Georg von der Vring, der zwar einen Großteil seines Lebens nicht in Brake verbrachte, seiner Heimat am Strom aber stets verbunden blieb, den einzigen Schwerpunkt, der nichts mit der Schifffahrt entlang der Unterweser zu tun hat. Im Obergeschoss von Haus Borgstede und Becker präsentieren wir das Arbeitszimmer von Georg von der Vring, inklusive seiner persönlichen Bücher, von ihm gemalter Bilder und verschiedener originaler Einrichtungsgegenstände. Zudem zeigen wir einen kurzen Film über von der Vring.

Auch da schlang vielleicht ein Arm
Herzlich und bitterlich
Bei den schönen gerollten Kuchen
Sich um mich.

Auch da flog vielleicht ein Wort
Leise und federleicht
Mir in das Herz – ein Wort, von wannen,
Das man verschweigt.

1990 veröffentlichte Die Zeit eine „Erinnerung an den Dichter Georg von der Vring“: Der letzte Meister des Liedes. 2012 berichteten u.a. NWZ-TV und der Friesische Rundfunk über Georg von der Vring, bei Youtube findet man noch eine Tonaufnahme mit Georg von der Vring (ab 7:46), in der er selbst sein Gedicht „Nie genug“ liest.

Heute, am Welttag der Poesie, könnte man einmal in den eigenen Bücherschrank blicken und nach Spuren von der Vrings suchen. Vielleicht findet er sich noch in dem einen oder anderen alten Schulbuch, in der mitgenommenen Ausgabe von „Soldat Suhren“ neben Remarques „Im Westen nichts neues“ oder auf einem alten Kalenderblatt. Im Haus Borgstede und Becker oder auf der neuen Facebook-Seite der Georg von der Vring-Gesellschaft finden sich auf jeden Fall Spuren von Leben und Werk des gebürtigen Brakers.

Dies und wie’s mir damals geschah,
Als ich noch ein Kind war,
Klein die Hände und klein die Füße,
Braun das Haar –

Dies und wie’s vergangen ganz,
Anders als ich selber auch -Einmal, von wannen, fliegen von dannen
Verse wie Rauch.

[„Wo ich hergekommen bin“, zitiert nach „Die Gedichte: Gesamtausgabe der veröffentlichten Gedichte und eine Auswahl aus dem Nachlass; C.H.Beck, 2. Auflage, 1. Juli 2010]
[Artikelbild: Brustbild Georg von der Vrings an seinem Schreibtisch sitzend und die Pfeife anzündend. Archiv des Schiffahrtsmuseums Unterweser.]

Claus Hock

Wissenschaftlicher Volontär im Schiffahrtsmuseum, Fachreferent für Kulturmarketing und Kulturtourismus.

4 Kommentare zu “Wo ich hergekommen bin

  1. Dazu fällt mir nur ein: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.

    Und trotzdem gibt es Menschen, die sich kümmern und sein Andenken bewahren. Sein Grab wird liebevoll von Herrn Penningroth gepflegt. Demnächst gibt es eine Gedenktafel und auch die
    Fahrradtouristen finden ein Hinweisschild.

    20. 3. 14

    1. Ja, das freut uns auch. Und vielleicht entwickelt sich ja noch ein bisschen mehr. Schon so mancher Autor hat irgendwann seine Renaissance erlebt. Wir sind auch gespannt auf das ganze Jubiläumsjahr.

  2. Sehr geehrter Herr Hock,
    der Romanessay von Per Leo war kürzlich, mehr als 40 Jahre nach meiner Gymnasialzeit ( damals vermutlich eine Lyrikanthologie aus der Nachkriegszeit ), das erste Buch, das Georg von der Vring wieder erwähnte und feierte. Aber wie das so ist: Berufsbedingt ein Vielleser und nicht immer in Lyrikstimmung, bin ich dem Namen Von der Vring erst in den letzten Tagen nachgegangen – und entdeckte die Gesellschaft, die sich nach ihm benannt hat. Wenn ich mal in Ihrer Gegend bin, schaue ich ins Schiffahrtsmuseum ‚rein. Da bis dahin noch Zeit vergehen wird, erlaube ich mir die Frage, ob Sie die Ausgabe der Gedichte, aus der Sie zitieren, empfehlen, oder ob Sie einem Von der Vring-Novizen eher eine andere, vielleicht weniger repräsentative Ausgabe ans Herz legen. Denn wie gesagt: Ich bin ein Vielleser und bin bei aller Empfänglichkeit für Lyrik selbst bei Autoren, die viel bekannter sind als Von der Vring, schon des Öfteren genervt gewesen von Gesamtausgaben, die keine Rücksicht nahmen auf mein begrenztes Zeitkontingent. Um es salopp zu sagen: Mir ist eine ‚Best of‘-Ausgabe eines Kenners und Liebhabers, der dazu auch noch Verständnis hat für Leser, lieber als die Fleißausgabe eines Kenners.
    Mit frdl. Grüßen und herzlichem Dank, auch für das Tondokument
    Gisbert Horn

    1. Sehr geehrter Herr Horn,

      entschuldigen Sie die späte Antwort, ich war im Urlaub. Bei Georg von der Vring ist es so, dass Sie „Die Gedichte“ (Gesamtausgabe, 536 Seiten) noch relativ gut bekommen, da der C.H. Beck-Verlag diese erst 1996 herausbrachte. 2010 hat der gleiche Verlag noch einmal „Hundertzehn Gedichte“ veröffentlicht. Mit 128 Seiten noch eine der kleineren Gedichtsammlungen und am ehesten das, was ich als „Best of“-Ausgabe bezeichnen würde.

      Beste Grüße
      Claus Hock / Schiffahrtsmuseum Unterweser

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